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Zeltlager „Camp D“ auf der Rennkoppel Bad Segeberg vereint Diabetiker

Medizinischer Fortschritt, Therapien und vor allem ein komfortabler Alltag: Im riesigen Zeltlager „Camp D“ auf dem Landesturnierplatz in Bad Segeberg lernen Jugendliche in Workshops und der Gemeinschaft, mit Diabetes besser zurecht zu kommen.



Ex-Radprofi und Spitzensportler Oliver Behringer will den Teilnehmern vermitteln, dass auch mit Diabetes und modernen Therapien alles möglich ist. „Der Faktor Sicherheit hat in den letzten Jahren enorm zugenommen.“ Es brauche einen Plan B und C, aber man sollte nie aufgeben und seine Ziele verfolgen, sagt er.
Ex-Radprofi und Spitzensportler Oliver Behringer will den Teilnehmern vermitteln, dass auch mit Diabetes und modernen Therapien alles möglich ist. „Der Faktor Sicherheit hat in den letzten Jahren enorm zugenommen.“ Es brauche einen Plan B und C, aber man sollte nie aufgeben und seine Ziele verfolgen, sagt er.

Ich war als Botschafter fürs Team Novo Nordisk beim Camp D dabei. Eine extrem wertvolle und bereichende Erfahrung für alle Beteiligten. In der Folge ein Zeitungsbericht zum Camp.


Bad Segeberg. Sex, Reisen, Feiern, Sport, Essen. Alles, was Spaß macht, ist für Menschen mit Diabetes eine Angelegenheit, die umsichtiges Handeln erfordert. Je nach Ausprägung oder Typ der Zuckerkrankheit können die Folgen tödlich sein. Denn bei ihnen ist der Stoffwechsel mit dem Hormon Insulin gestört. Es sorgt dafür, dass Traubenzucker vom Blut in Zellen gelangt – zur Energiegewinnung. Betroffene müssen ein Leben lang darauf achten, dass der Blutzuckerspiegel im Gleichgewicht ist. Wer erkrankt, für den ist das oft ein Schock. Nicht nur, weil man sich schlimmstenfalls zunächst im Krankenhaus wiederfindet, sondern weil das Leben sich innerhalb kurzer Zeit völlig verändert. Insulin muss ständig zugeführt werden, per Spritze oder Pumpe zum Beispiel.





So ist es auch bei Hunderten Jugendlichen, die zurzeit auf dem Landesturnierplatz in Bad Segeberg campen. Dort mit einem Insulinspritz-Set zwischen den rund 300 Zelten herumzulaufen, ist völlig normal. „Camp D“ ist Europas größtes Lager für Jugendliche mit Diabetes. Sie tauschen sich aus, geben Tipps, wollen besser mit der unheilbaren Krankheit leben. Henrike Fritsch, gebürtige Bad Segebergerin, war bereits 2018 dabei. Diesmal ist die Medizinstudentin im Rahmen ihrer Doktorarbeit wiedergekommen. 2010 erhielt sie die Diagnose Typ-I-Diabetes. Da war sie 13 Jahre alt.


Camp D vermittelt: Ins Ausland reisen – trotz Diabetes


„Meine Umbruchphase von Kindes- zum Erwachsenenalter war nicht so schwer. Ich weiß aber von vielen anderen, die das als sehr schwerwiegend erlebt haben“, sagt die 25-Jährige. Man müsse den Diabetologen wechseln, nicht jeder habe dabei Rückhalt. Sie ging ins Ausland – trotz Diabetes. In den USA war ihr Gastvater Sanitäter, ein Glücksfall. „Meine Eltern mussten sich keine Sorgen machen“, erzählt sie.


Für einen elfmonatigen Freiwilligendienst in Ecuador, in einem kleinen Dorf rund zwei Stunden vom nächsten Krankenhaus entfernt, war die Planung schon kniffliger. „Es war wichtig, dass die Leute um mich herum Bescheid wussten“, sagt Henrike Fritsch. Außerdem hat sie stets Notspritzen dabei. „Ich war damals privatversichert. Es war kein Problem, die Utensilien für einen so langen Zeitraum zu besorgen.“ Doch gesetzlich Versicherte bekämen nur einen Vorrat für drei Monate. „Dann muss man ein bis zwei Jahre im Voraus anfangen zu planen.“


Insulinspiegel – Schwankungen im Alltag meistern


Doch Hindernisse gab es für sie auch. So habe sich ihre Uni in Hannover – eine medizinische Hochschule – geweigert, einen sogenannten Nachteilsausgleich zu gewähren. Diese Regelung ermöglicht mehr Gleichberechtigung, zum Beispiel durch mehr Zeit bei Prüfungen. „Es hieß, mit Insulinpumpe gebe es kaum Einschränkungen“, sagt sie. Dabei sei viel Denkarbeit nötig, damit die Technik richtig funktioniert. Will sie essen, muss sie berechnen, welche Insulinmenge nötig ist. Will sie Sport treiben, muss die Rate niedriger angesetzt werden, denn bei Sport wirkt das Hormon stärker.


„Krankheit, Stress, Hormone – im Kopf geht so viel ab. Es ist eine Herausforderung, bei täglichen Schwankungen im Zielbereich zu bleiben.“ Doch sie kann dem auch Gutes abgewinnen, ein gutes Körpergefühl zum Beispiel, viele Freunde und der dadurch gereifte Berufswunsch, Ärztin zu werden. Was sie sich wünscht, ist eine technische Heilung, bei der das Gerät von allein arbeitet.





Moderne Therapien und Telemedizin


Das scheint noch ein langer Weg zu sein, obwohl sich in den vergangenen Jahren viel getan hat. Auch dazu ist das Camp D da, um über Therapien und die Zukunft zu reden. „Mahlzeiten, Zuckerwerte, Aktivität, Medikamente – dass das heute digital gesammelt werden kann, war vor 25 Jahren noch undenkbar“, sagt Dr. Simone von Sengbusch, Diabetologin sowie Kinder- und Jugendärztin aus Lübeck. Telemedizin bringe heute enorme Zeitersparnis. „Nicht überall gibt es Spezialisten. Das bietet sich einfach an.“


„Telemedizin ist die Zukunft“, sagt auch Bürgermeister Toni Köppen, der sich für das Camp keinen besseren Ort als den Gesundheitsstandort Bad Segeberg vorstellen kann. Zwar konnte er den Fachvorträgen nur bedingt folgen. „Aber was ich verstanden habe ist, dass man mehr tun könnte. Was viel Geduld kostet oder Arbeit macht, wird allzu oft ausgeblendet. Es ist wie mit den Sozialarbeiterinnen an Schulen: Die wertvolle Arbeit hilft erst später, Kosten und extreme Bedarfe zu vermeiden.“


Im Camp jedoch wird keine Mühe gescheut: 180 freiwillige Betreuer, darunter Ärzte, Psychologen, Erzieher und Wissenschaftler, schaffen für die 16- bis 25-Jährigen ein Umfeld, das sie sonst nicht haben. Workshops behandeln diverse Themen, auch die, die eher tabu sind: Sexualität, Mobbing oder Essstörungen zum Beispiel. Aber auch Reisen, Sport, Ernährung stehen auf dem Plan. Leistungssportler mit Diabetes motivieren, Träume zu verfolgen, Sportarten auszuprobieren, Grenzen zu testen. Die Notärzte stehen zur Sicherheit gleich nebenan.


Von Irene Burow



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